GENDER PEACE SECURITY 2010

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Start Documentation 2010 Beiträge aus der Praxis Sicherheitspolitik, Komplexität und Gender

Sicherheitspolitik, Komplexität und Gender

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Helmut W. Ganser

Vorbemerkung

Herzlichen Dank für die Einladung zu dieser sehr interessanten Tagung. Ich muss gestehen, dass dies mein erster Vortrag über ein Gender-Thema ist. Ich habe die Einladung aber gerne angenommen, weil ich überzeugt bin, dass der Geschlechterperpektive mit Blick auf sicherheitspolitische Entscheidungsprozesse durchaus strategische Bedeutung zukommt und sie für Frauen und Männer gleichermaßen interessant sein sollte. Die Zeitschrift Psychologie Heute titelt in ihrem aktuellen Heft (Juli 2010) mit „Die Zukunft ist weiblich“ und beschreibt in einem Artikel den vermuteten Mega-Trend: „Female Shift“. In der Tat deuten der bereits fortgeschrittene Bildungsvorsprung von Mädchen bzw. Frauen und jüngste Tendenzen in Wirtschaft und Politik (u.a. Corporate Governance Kodex, Entwicklungen bei Siemens und Telekom) auf einen Veränderungsprozess in diese Richtung hin. Als Vater von drei Töchtern sollte ich mich eigentlich über einen solchen Trend freuen, wenn da nicht ein Unbehagen wäre. Weil die Welt nach meiner Lebenserfahrung weder eine männliche noch eine weibliche Zukunft braucht, sondern eine Zukunft, in der Frauen und Männer gleichberechtigt, effektiv und zielgerichtet zusammenarbeiten, im Kleinen wie im Großen. Dies gilt auch für die Sicherheitspolitik angesichts der Probleme, die sich dort auftürmen. So, damit wäre auch bereits mein Erkenntnisinteresse offen gelegt.

Lassen Sie mich zunächst Ihr Vorstellungsvermögen und Ihre Phantasie bemühen. Stellen wir uns idealerweise vor, die Forderungen der Resolution 1325/2000 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen wären erfüllt. Frauen und Männer wären im Großen und Ganzen gleichermaßen in sicherheitspolitischen Entscheidungsprozessen repräsentiert. Auf allen Ebenen, in Deutschland und in der internationalen Gemeinschaft, also auch in Organisationen wie VN, NATO, EU, OSZE usw.. Das „Gender-Glas“, über das wir gestern diskutiert haben, wäre also weder halb voll noch halb leer, sondern randvoll. Eine Utopie, eine konkrete Utopie? Was hätte sich verändert? Ein Teil der Antwort darauf ist einfach: der normative Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit wäre in diesem Bereich endlich erfüllt. Punkt! So weit, so gut. Aber schauen wir weiter, über die Gleichstellungsperspektive hinaus auf die Sachprozesse, das funktionale Geschehen. Also auf die Art und Weise, wie Sicherheitspolitik in Deutschland und international gemacht wird. Schauen wir auf das politische, zivile und militärische Entscheidungsverhalten in internationalen Krisen- und Konfliktsituationen, auf die Art und Weise der Anwendung ziviler und militärischer Macht. Was verändert sich mit vollzogener Gleichstellung?

Bevor ich mich, vielleicht leichtsinnigerweise, an diese Frage herantraue, möchte ich erst einmal ausholen und auf einige Herausforderungen in der aktuellen, operativen Sicherheitspolitik eingehen. Ich möchte gleich darauf hinweisen, dass ich mich bei meinen nachfolgenden Überlegungen nicht auf die Streitkräfte oder die Bundeswehr beziehe. Es geht mir vielmehr um die politisch-strategische Ebene, wo die grundsätzlichen Entscheidungen vorbereitet werden und fallen, also etwa um den Bereich der Bundesregierung (Kanzleramt, Ministerien, Parlament) sowie um Konsultationen zwischen Regierungen, bilateral und multilateral, z.B. in NATO, VN, EU, OSZE, und die Medien im Umfeld dieser Entscheidungsprozesse.

Sicherheitspolitik und Komplexität

Es ist kein Geheimnis, dass sich operative Sicherheitspolitik nach dem Kalten Krieg schwer getan hat und weiter schwer tut mit internationalen Konflikt- und Kriseninterventionen, von Somalia 1993 über die Interventionen auf dem Balkan, die vielen UN-Friedensmissionen in Afrika, und vor allem in dem bewaffneten Konflikt in Afghanistan 2001 bis heute, ganz zu schweigen von Irak seit 2003.

Worauf ist diese unbefriedigende Bilanz zurückzuführen? Es gibt für alles immer mehrere Ursachen. Ich denke aber, dass es unter anderem einen ganz grundsätzlichen Ursachenzusammenhang dafür gibt. Nach meiner Beobachtung haben Politik, Diplomatie und Militärpolitik erhebliche Schwierigkeiten, mit den schwer überschaubaren Verflechtungen hinter der Erscheinungsform dieser Konflikte angemessen umzugehen.

Die meisten Krisen und Konflikte seit dem Kalten Krieg sind in ihren Ursachen, Strukturen und Prozessen äußerst komplex. Dies ist eigentlich eine Binsenweisheit. Es handelt sich zumeist um transnationale innerstaatliche Kriege, also Bürgerkriege, auf die auch von außen Einfluss genommen wird, mit vielfältigen Ursachen und Wirkungen, ja einem Netzwerk von Wechselwirkungen. Jede Intervention von außen erzeugt Reaktionen und neue Wechselwirkungen, es existieren keine linearen Kausalitäten, sondern komplexe Dynamiken.

Beispiel Afghanistan

Allein die inzwischen über acht Jahre andauernde Intervention in Afghanistan liefert eine Fülle von Anschauungsmaterial dafür, dass nationale und multilaterale Sicherheitspolitik in solchen komplexen Konfliktlagen an ihre Grenzen stößt. Natürlich ist man hinterher immer klüger. Es fehlte uns in der operativen Sicherheitspolitik, auch im Rahmen der internationalen Gemeinschaft, an Tiefe und Schärfe, quasi an Tiefenschärfe der Analyse der wesentlichen Zusammenhänge und Kausalverflechtungen, vielleicht auch an der Fähigkeit, die Lage dort umfassend und ungetrübt wahrzunehmen, ohne die Brille der jeweiligen politisch-ideologischen Vorstellungen. Vieles wurde nicht erkannt, manches ausgeblendet oder unterbewertet, wie z.B. das Wesen der afghanischen Stammesgesellschaften und deren Verwurzelung im Islam oder die Tiefe und Breite der Vetternwirtschaft, auf die ein westliches Korruptionsverständnis nur schwer anwendbar ist.

Die Rückkehr der Taliban-Kämpfer nach Afghanistan etwa seit 2003/2004 wurde nicht rechtzeitig wahrgenommen oder zumindest unterschätzt, ebenso wie die zentrale Relevanz und ambivalente Rolle von Pakistan. Auch setzte sich erst relativ spät die Erkenntnis durch, wie zentral ein integrierter zivil-militärischer Ansatz für den staatlichen und gesellschaftlichen Aufbau in Afghanistan ist. Schließlich wurde der tatsächliche zivile und militärische Kräftebedarf unterschätzt bzw. relativiert.

Es hat sich auch als problematisch erwiesen, dass die unerwünschten Nebenfolgen eigenen Handelns über einen längeren Zeitraum nicht antizipiert wurden. Die „Risiken und Nebenwirkungen“ der eigenen militärischen Operationen, insbesondere hinsichtlich der zivilen Opfer bei Kampfhandlungen, blieben lange Zeit ausgeblendet.

Im Rückblick wirken Vorstellungen und Erwartungen bei der Petersbergkonferenz Ende 2001 nach dem Eingreifen der USA und dem Ende des Taliban-Regimes fast romantisch. Vor allem die Übertragbarkeit westlicher Demokratievorstellungen auf die afghanische Stammesgesellschaft wurde überschätzt. Man glaubte eine ganze Zeit lang, Afghanistan ein westliches Staatsverständnis überstülpen zu können. Das war sozusagen eine westlich geprägte Re-Konstruktion der afghanischen Wirklichkeit. Der ehemalige deutsche Verteidigungsminister Peter Struck hat vor einigen Monaten in einem TV-Interview mit Stefan Aust eingestanden, dass man „naiv und blauäugig“ gewesen sei, was im Übrigen die Größe von Peter Struck zeigt, dieses jetzt öffentlich einzuräumen. Auch die kontroversen, manchmal moralisch aufgeladenen Debatten in den Medien und im Parteienspektrum haben den Regierungen angesichts knapper Mehrheiten nur einen schmalen Handlungsgrad überlassen.

Dieser kritische Rückblick auf den Umgang mit Komplexität in der Sicherheitspolitik ist keinesfalls vorwurfsvoll gemeint, denn es ist eine allgemeine menschliche Neigung, monokausal zu denken. Wir sehen das doch alle an uns selbst, wenn wir uns selbst beobachten. Wir „leiden“ an Monokausalitis, d.h., wir neigen dazu, immer eine Ursache oder zumindest Hauptursache für Phänomene zu suchen und auch dort zu finden, wo sie in unsere Denkschemata passen. Wir suchen und schätzen einfache Begründungen. Wir halten Ambiguitäten, unklare mehrdeutige Situationen nicht gut aus und bevorzugen einfache Erklärungen.

Politik, die nach außen und gegenüber Medien und Öffentlichkeit Zustimmung sucht und überzeugen will, gerät damit leicht in eine Dilemmasituation. Um der Erwartungshaltung nach einfachen Erklärungen in der Öffentlichkeit gerecht zu werden, neigt sie dazu, mit einfachen zumindest vordergründig einleuchtenden Botschaften zu operieren, die dann aber der tatsächlichen Komplexität der Prozesse kaum gerecht werden und am Ende zu einem Vertrauensverlust führen können.

Lessons Learned

Was könnten die grundsätzlichen „Lessons Learned“ sein? Eine erste Antwort in aller Kürze. Wir brauchen in künftigen vergleichbaren Konfliktsituationen von Anfang an noch profundere Analysen, um die Komplexität einer Konfliktsituation, in die hineininterveniert werden soll, in allen wesentlichen Dimensionen zu erfassen. Auch unter Inkaufnahme eines höheren Zeitbedarfs.

Bei der Entwicklung von Zielen, Wegen und Handlungskonzepten sollten auch unerwünschte Folgen eigenen Handelns besser antizipiert und in die Strategie einbezogen werden. Ohne Berücksichtigung und Abfederung der potenziellen Risiken und Nebenwirkungen eigenen Handelns bleibt jede Strategie auf Versuch und Irrtum beschränkt und damit unzureichend. Sozusagen mehr Vorherdenken statt Nachherdenken. Wir brauchen eine realistische und belastbare Abschätzung des zivilen und militärischen Kräftebedarfs sowie der benötigten Ressourcen insgesamt. Der Zweck muss die Mittel bestimmen, nicht die Mittel den Zweck. Wenn der Kräfte- und Mittelbedarf nicht erfüllt werden kann, müssen der ins Auge gefasste Zweck und die Ziele überprüft werden.

Wenn sich Regierungen und Sicherheitsorganisationen zu einer Intervention entscheiden, sollte die Interventionsstrategie vor Beginn und auch während der Intervention „durchdekliniertwerden. Verantwortliche „dürfen nicht den ersten Schritt tun, ohne den letzten zu denken“, eine alte Erkenntnis von Carl von Clausewitz in „Vom Kriege“, veröffentlicht 1832.

Und natürlich bedarf es weiterhin eines festen ethischen Rahmens, einer ethischen Legitimation für jede Intervention. Legalität und Legitimität politischen und militärischen Handelns sind nicht nur weiche Faktoren, sondern längerfristig harte Erfolgsparameter. Ich möchte das aber bewusst abgrenzen von einer moralischen Aufladung einer Debatte, die man auch gelegentlich beobachten kann. Es geht darum, zivile und militärische Einsatzkonzepte ethisch vertretbar und verantwortbar zu gestalten. Damit zusammen hängt die zentrale Bedeutung einer breiten Zustimmung und Unterstützung in unseren demokratischen Gesellschaften.

Rolle der Intuition

Ich möchte noch kurz auf die faktische Bedeutung der Intuition in sicherheitspolitischen und strategischen Entscheidungsprozessen eingehen. Intuition ist faktisch immer eine wesentliche Komponente in politischen Entscheidungsprozessen, wenngleich dies selten eingeräumt wird. So hat z.B. Ole von Beust nach der Ankündigung seines Rücktritts als 1. Bürgermeister von Hamburg in einem Interview angemerkt, dass politischer Erfolg mindestens zur Hälfte von Glück und Intuition abhängen.1 Intuition und emotionale Bewertung spielen auch in der Sicherheitspolitik immer mit, weil die rationale Analyse allein zumeist keine eindeutigen Handlungspräferenzen liefert. Intuition kann zu zielführender Bewältigung von Komplexität beitragen.

Unter Intuition in Entscheidungsprozessen verstehe ich nicht nur das Erspüren einer richtigen Problemlösung bzw. das Entscheiden mittels eines „Bauchgefühls“. Rationale Analyse und Erfahrungswissen sind wichtige Bestandteile guter Intuition. Intuition ist ganzheitliches Erfassen bzw. Erahnen einer zielführenden Lösung. Rationale Denkvorgänge sind dabei keineswegs ausgeschaltet. Kognitionen und emotionale Bewertung greifen ineinander, sind wie zwei Seiten einer Medaille. In sicherheitspolitischen Entscheidungsprozessen kann Intuition dann hilfreich sein, wenn sie auf rationaler Analyse aufsetzt und viel Erfahrungswissen mitschwingt. Man könnte es auch als Urteilskraft oder „Takt des Urteils“ (Clausewitz) bezeichnen. Es geht um die Verbindung von profunder rationaler Analyse, Erfahrung und emotionaler Bewertung. Mit anderen Worten um die Symbiose von zwei unterschiedlichen Herangehensweisen.

Gender

Now, how to go from here to Gender? Kann vor diesem Hintergrund eine ausgewogenere Repräsentation beider Geschlechter in den sicherheitspolitischen Entscheidungsprozessen zu intelligenteren, effektiveren und nachhaltigeren Lösungen führen, mit denen Komplexität besser bewältigt wird? Es sind viele Bücher über die Unterschiede im Erleben und Verhalten von Frauen und Männern geschrieben worden, über unterschiedliche Gehirnaktivitäten und unterschiedliche Kommunikationsmodi, es ist viel gestritten worden, ob Geschlechterunterschiede biologisch oder sozio-kulturell verursacht sind. Ich will diese Diskussion hier keinesfalls befeuern. Mir ist auch völlig bewusst, dass innerhalb der Geschlechter eine große Variabilität bei Eigenschaften und Verhaltensmerkmalen existiert. Ich gehe von generellen Unterschieden aus, die auch zu unterschiedlichen Positionierungen in sicherheitspolitischen Fragen führen können. Diese Unterschiede sind erst über eine größere Zahl von Menschen erkennbar und müssen sich nicht in jedem Individuum widerspiegeln. Frauen und Männer dürften sich z.B. generell unterscheiden in der Art und Weise der Informationsverarbeitung im Sinne einer jeweils anderen Balance zwischen kognitiver Informationsverarbeitung und emotionaler Bewertung, in den Kommunikationsmodi, in der Art und Weise der Intuition, im Verhältnis zu gewaltsamer Konfliktaustragung, in der Haltung zu Versöhnungsprozessen nach Gewalterfahrungen etc.. Ich halte im Kontext meines Themas die Diskussion von jeweiligen Unterschieden, Stärken und Schwächen aber für weniger wichtig. Es scheint mir viel interessanter zu sein, die Kommunikation und Zusammenarbeit von Frauen und Männern in der Sicherheitspolitik zu thematisieren. Ich will dies mit einigen persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen illustrieren. Dies ist natürlich nur ein anekdotischer Zugang.

Größere Effektivität und Effizienz durch „Gender-Equality“

Ich habe in internationalen Verhandlungen und Konsultationen viele Diplomaten, Botschafter und einige Botschafterinnen persönlich erlebt und beobachten können. Darunter waren beeindruckende und sehr professionelle Frauen, wie z.B. Frau Albright als US-Botschafterin im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, weitere amerikanische und französische Botschafterinnen und norwegische Verteidigungsministerinnen im NATO-Rat. Ich habe auch selbst über Jahre mit Diplomatinnen und Regierungsbeamtinnen aus vielen Nationen zusammengearbeitet, insbesondere auch in Verhandlungen. Im Laufe der Zeit habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Kommunikation in Konsultationen und Verhandlungen, in denen Frauen ihre Nationen aktiv vertraten, deutlich produktiver war, auch kreativer und pragmatischer bei der Suche nach Kompromissen und intelligenten Lösungen, ganz besonders bei Textverhandlungen an zu verabschiedenden Dokumenten. Auch schien mir der Kommunikationsstil weniger verbissen und offener zu sein, als wenn nur männliche Kollegen agierten.

Jedenfalls habe ich persönlich die Erfahrung gemacht, dass eine intensive Zusammenarbeit von Männern und Frauen gerade auch in sicherheitspolitischen Planungs- und Entscheidungsprozessen nicht nur die Kommunikationskultur verbessern kann, sondern dass dadurch auch bessere Lösungswege generiert werden können. Wenn Frauen sich in solchen Arbeitsprozessen inhaltlich anders positionieren, kann dies nur gut für die Qualität der Ergebnisse sein. Heterogenität ist eine Bedingung für Kreativität in Gruppen, wenn gemeinsame Ziele angestrebt werden.

Ich denke, wir brauchen auch in sicherheitspolitischen Entscheidungsprozessen die besten Talente, um Professionalität auf hohem Niveau zu halten und weiter zu steigern. Wir brauchen dazu auch die weiblichen Talente. Wir können es uns auch in der Sicherheitspolitik nicht weiter leisten, auf das professionelle Potential von Frauen zu verzichten. Und ich sehe gegenwärtig auch eine Bewusstseinsentwicklung in diese Richtung, den langsamen aber stetigen Aufbau einer kritischen Masse, wodurch sich in absehbarer Zeit auch die letzten Männerkartelle, wo sie denn noch existieren, auflösen dürften.

Wir brauchen vor allem die gleiche/vergleichbare Qualifizierung von Frauen wie von Männern. Es genügt ja nicht, Frauen einfach in verantwortungsvolle Funktionen zu schieben. Sie müssen wie Männer mittel-/langfristig aufgebaut werden, sie müssen bei der Bestenauswahl (high potentials) dieselbe Berücksichtigung finden wie Männer. Quoten können manchmal männerbündische Barrieren aufbrechen. Quoten sind m.E. aber längerfristig keine gute Lösung. Wenn Frauen dieselben Start- und Entwicklungschancen bekommen, werden sie eigene Karrierestrategien entwickeln und sich auch ohne Quoten durchsetzen.

Professionelle Kommunikation zwischen Frauen und Männern

Wir brauchen aber auch eine konstruktive am sachdienlichen Arbeitsprozess orientierte Kommunikation zwischen Frauen und Männern, also eine möglichst konstruktive und produktive Vernetzung. Dazu gehört offenes, aktives Zuhören als Schlüsselqualifikation. Kurz: echter Spaß an der Problemlösung im Konzert mit Vertretern des anderen Geschlechts. Wo gleichberechtigtes und produktives Zusammenarbeiten gelingt, entstehen intelligentere und komplexitätsgerechtere Problemlösungen.

Aktuelle Entwicklungen

In der Wirtschaft und in der Politik hat die Diskussion über den Gewinn/Mehrwert von Frauen in Leitungspositionen längst begonnen (Corporate Governance Kodex, Siemens, Telekom). Es ist an der Zeit, diese Debatte auch in der Sicherheitspolitik aufzunehmen. Veränderungen lassen sich jedoch nicht ruckartig gestalten. Notwendig ist ein systematischer Ansatz, der bei der Nachwuchsgewinnung, Ausbildung, Bildung und Weiterbildung, sowie dem mittel- und langfristigen Verwendungsaufbau ansetzt.

Dabei hat sich in Deutschland schon einiges getan, gerade auch im Auswärtigen Amt, das in der deutschen operativen Sicherheitspolitik im Rahmen der Bundesregierung ja federführend ist. Bereits seit Jahren sind bei den Neueinstellungen für den Diplomaten-Nachwuchs Männer und Frauen etwa gleichermaßen repräsentiert. Seit 2009 ist der sicherheitspolitisch besonders einflussreiche Posten des Politischen Direktors (D2) im Auswärtigen Amt durch eine Diplomatin besetzt. Eine bemerkenswerte Entwicklung in einem Amt, das traditionell als Männerdomäne gegolten hat.

Nachholbedarf sehe ich demgegenüber noch im deutschen Verteidigungsministerium im militärpolitischen Bereich, also dort wo sicherheitspolitische Entscheidungen, insbesondere auch die Beteiligung der Bundeswehr an internationalen Einsätzen im Rahmen der Bundesregierung mit vorbereitet werden. Dies ist im Verteidigungsministerium vor allem eine Organisationsfrage, weil die Militärpolitik im Verteidigungsministerium Teil des Führungsstabes der Streitkräfte und damit weit überwiegend durch Offiziere besetzt ist. Ich sehe dort eigentlich keine grundsätzlichen Barrieren, zumal die wenigen Frauen, die in den letzten Jahrzehnten dort eingesetzt waren, außerordentlich professionell gearbeitet und viel Anerkennung gefunden haben. Der Aufstieg von geeigneten weiblichen Offizieren in solche Verwendungen dürfte nur sehr langsam vonstatten gehen.

Ein Teil der betreffenden militärischen Stellen könnte in zivile Dienstposten umgewandelt oder als Wechselstellen ausgeworfen werden. Dies würde die Aufnahme von leistungsfähigen zivilen Frauen und Männern ermöglichen, auch im Wechsel mit Think Tanks bzw. Instituten und wissenschaftlichen Einrichtungen. Eine größere wechselseitige Durchlässigkeit zwischen Ministerien und Instituten könnte überdies die Qualität der Arbeit in den Think Tanks bereichern und damit auch die Qualität von deren politischer Beratung verbessern.

Wir würden damit auch gegenüber den meisten internationalen Partnern, etwa in der NATO aufholen. Viele von diesen haben längst den ausgewogeneren zivil-militärischen Mix in den entsprechenden Organisationseinheiten ihrer Verteidigungsministerien und dadurch auch mehr Frauen in den ministeriellen Strukturen.

Schlussbemerkung

Meine Damen und Herren, ich bin überzeugt, dass eine ausgewogenere Einbeziehung von Frauen und Männern in sicherheitspolitisch relevanten Positionen und Prozessen die Professionalität der operativen Sicherheitspolitik noch erhöhen kann. Ich möchte aber auch nicht missverstanden werden. Ich bin nicht hierher gekommen, um bei der Frauenakademie mit der Forderung nach einer weiblichen Militärpolitik zu punkten. Ich sage nicht, dass alles gleich besser wird, wenn mehr Frauen in einflussreiche Positionen kommen. So einfach ist es nicht. Männer kochen mit Wasser, Frauen auch, allerdings anders. Das Potential für intelligentere, komplexitätsgerechtere und nachhaltigere Problemlösungen liegt allein in der fruchtbaren, professionellen und gleichberechtigten Zusammenarbeit der Geschlechter.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


1 FAZ am Sonntag, Nr. 32 D vom 15.08.2010, S. 3