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Start Dokumentation 2010 Wissenschaftl. Vorträge Einschätzung und Ausblick aus Sicht der Theorien zu Internationalen Beziehungen

Einschätzung und Ausblick aus Sicht der Theorien zu Internationalen Beziehungen

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Carlo Masala

Der Feminismus als analytische Herangehensweise an die Internationalen Beziehungen (IB) ist relativ neu auf dem Markt der Theorien. Er teilt sich in drei große Strömungen auf: in den liberalen, radikalen und postmodernen Feminismus. Allen Drei gemeinsam ist, dass sie zumeist die „Opferperspektive“ in den Vordergrund rücken.

Seit 10-15 Jahren hat der Feminismus Einzug in die IB gehalten und einen zunehmenden Einfluss erfahren. Er ist allerdings für die Zukunft feministischen Denkens über IB mit einigen Problemen behaftet. Erstens ist er ein Diskurs, der relativ abgekoppelt vom Mainstream der IB geführt wird. Die Erkenntnisse, die aus der Analyse gewonnen werden, die unter feministischen Annahmen betrieben werden, werden vom Mainstream der IB kaum wahrgenommen und feministische Analytikerinnen und Analytiker arbeiten sich am Mainstream ab, im Sinne einer Dekonstruktion des Bestehenden. Das heißt, der Diskurs fristet innerhalb der IB ein Nischendasein und es gibt durchaus Argumente, um in dieser Nische zu verweilen. Allerdings: Wenn es um die Wissenschaft geht, sollte man öfter und intensiver mit dem Mainstream in Kontakt treten.

Zweitens hat die feministische Theorie immer ein Problem damit, dass sie drei Perspektiven miteinander verwebt und nicht sauber voneinander trennt: eine analytische, eine normative und eine policy-orientierte Perspektive. Es ist nicht klar, wo die Trennung liegt und es scheint mir, dass diese Trennung auch bewusst nicht vollzogen werden soll. Um jedoch an den IR-Mainstream anknüpfungsfähig zu werden, wie ich es befürworten würde, ohne dabei Gefahr zu laufen, den feministischen Kern von Analysen aufzugeben, sollte zukünftig deutlich gemacht werden, welche die analytische Perspektive ist, welche die normative und welche die policy-orientierte Perspektive einer feministischen Analyse ist. Eine klare Trennung ist wichtig, um damit all jene, die nicht mit feministischen Ansätzen arbeiten und somit mit diesem Diskurs nicht vertraut sind, mit feministischen Analysen vertraut zu machen und zugleich mit dem Mainstream des IB-Diskurses eine gemeinsame Diskussionsebene zu schaffen.

Die feministisch arbeitenden Analytiker und Analytikerinnen müssen sich in Zukunft überlegen, wohin sie wollen. Meines Erachtens müssen sich feministische Analysen von ihrem, am frühen Marx orientierten Dekonstruktionstendenzen verabschieden. Diese waren in den Anfängen feministischer IB-Theoriebildung notwendig, um den Platz feministischer IB-Theorie zu verorten. Heutzutage, da diese Aufgabe erfüllt ist, geht es darum, mit feministischer IB-Theorie neue Perspektiven aufzuzeigen. Dieses Mehr, das feministische IB Theorie leisten muss, liegt unter anderem darin, dass man stärker mit den Mainstreamanalysen in den IB in Dialog tritt. Der Dekonstruktion muss etwas folgen, nämlich, dass man sich mit dem Mainstream auseinander setzt. Es gibt Versuche dazu: Ann Tickner z.B. versucht die Mainstreamtheorien der IB als „Maskuline-Reflektion“ über menschliche Aktivitäten zu dekonstruieren. Der Idealismus, der sich mit der Frage beschäftigt, wie Frieden zu erzielen ist und dessen Vertreter bis heute Männer sind, wird als männliche Aneignung weiblicher Kompetenzen delegitimiert.

Die Zukunft der feministischen Analyse liegt, neben dem, was Feminismus ohnehin heute schon betreibt, in der geschlechterneutralen Reformulierung von Theorien der IB. Da liefern die großen Mainstreamtheorien, die wir in akademischen Debatten seit 50-60 Jahren haben, genügend Anknüpfungspunkte. Sowohl der machtzentrierte Realismus/Neorealismus als auch die vom Idealismus ausgegangenen liberalen Theorien.

Wir haben drei klassische Ebenen, auf denen man IB analysieren kann. Aus einer Perspektive des Individuums, aus einer Perspektive des staatlichen Systems und aus einer Perspektive des internationalen Systems. Ein ganz großer Teil der Analytiker und Analytikerinnen aus den feministischen Theorien fokussieren sich auf die Ebene des Individuums.

Ein Problem besteht in der Überzeugung, Frauen seien grundsätzlich anders. Das ist eine anthropologische Grundannahme, die empirisch nicht verifiziert werden kann. Diese Herangehensweise versperrt feministischen AnalytikerInnen die Einsicht, dass die Ursachen für Politik auf einer anderen Ebene liegen können.

Schlussfolgerung:

  1. Wohin will der Feminismus als Theorie? Will er Nischendasein führen? Will er mit dem Mainstream in Dialog treten?

  2. Stärkere Darlegung der analytischen, normativen und policy-orientierten Aspekte in den Analysen, weil dies dazu beiträgt, mit dem Mainstream dialogfähig zu werden.

  3. Nicht nur aus der Perspektive der Individualität sei die Frage zu stellen, wie Männlichkeit und Weiblichkeit konstruiert werden, sondern sich auch der Frage öffnen: Was kann Feminismus für die anderen beiden Ebenen, auf denen wir die IB analysieren, die Ebene des Staates und des internationalen Systems, sei es dekonstruierend, sei es konstruierend, zum Erkenntnisgewinn beitragen?