GENDER PEACE SECURITY 2010

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Start Dokumentation 2010 Wissenschaftl. Vorträge Frieden und Sicherheit aus der Perspektive des Feminismus-Pazifismus in Afrika

Frieden und Sicherheit aus der Perspektive des Feminismus-Pazifismus in Afrika

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Rita Schäfer

Wenn wir die friedens- und sicherheitspolitischen Forderungen afrikanischer Frauenorganisationen und Friedensaktivistinnen verstehen wollen, ist es wichtig, uns genauer mit dem Verhältnis von Gender und Kriegen zu befassen. In diesem Zusammenhang sind wir gefordert, militarisierte und kriegsgeprägte Männlichkeit in den Blick zu nehmen. Diese internalisierten und handlungsleitenden militarisierten Maskulinitätsmuster sind ein Kernproblem; sie beeinträchtigen die Sicherheit von Frauen und Mädchen. Das betrifft keineswegs nur Friedensaktivistinnen, die vielerorts gezielt bedroht werden. Darüber hinaus steht militarisierte Männlichkeit der Befriedung ganzer Gesellschaften diametral entgegen.

Gender ist also ein zentraler Schlüssel zum Verständnis von Kriegen und Nachkriegsgesellschaften. Kritische Friedensforscherinnen und Gender-Expertinnen in Afrika haben dies auf breiter empirischer Basis längst nachgewiesen. Dies bezieht sich keineswegs nur auf die gesellschaftlichen Kriegsfolgen. Vielmehr zeigen sie an zahlreichen Fallbeispielen auf, wie notwendig Gender-Analysen für die Erforschung von Kriegsursachen, Kriegshandlungen und Friedensprozessen in Afrika sind. Dabei verwenden die Forscherinnen – interessanterweise auch einige Forscher - einen umfassenden Gender-Begriff, der von gesellschaftlich konstruierten Rollen und Normen ausgeht. Diese werden historisch kontextualisiert. Darüber hinaus erfassen die Studien Gender als Machtphänomen, das mit politischen und ökonomischen Machtstrukturen verwoben ist. Diese komplexen Machtdimensionen beziehen sich keineswegs nur auf Hierarchien zwischen Frauen und Männern, sondern auch auf Differenzen zwischen Frauen und – was für die hier zu klärenden Zusammenhänge besonders wichtig ist - auf Machtverhältnisse und Hierarchien zwischen Männern. Schließlich verstärken Status und Rang, Besitzverhältnisse und wirtschaftliche Situation, Alter, Familienstand, Herkunft, Religion, politische Orientierung, Nationalität und Ethnizität die Geschlechterhierarchien. Hierin sind latente Konflikte begründet. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn die auf Distinktionen basierenden Machtmuster durch verschiedene Institutionen, Organisationen, soziale Gruppen und das Handeln Einzelner akzentuiert und intensiviert werden. So kann es in einer Gesellschaft gleichzeitig unterschiedliche Weiblichkeits- oder Männlichkeitsbilder oder gar konkurrierende Normen geben. Die Gefahr besteht darin, dass sie von Kriegstreibern lange vor dem Beginn eines Krieges selektiv interpretiert und gewaltsam aufgeladen werden.

Wer sind nun diese Kriegstreiber, die aus partikularen Interessen Gesellschaften spalten, Identitätszuschreibungen polarisieren und die Militarisierung von Männlichkeit vor Kriegen vorantreiben? Geschickt manipulieren ranghohe Militärs, Politiker, Kriegsherren, einflussreiche Medienvertreter oder religiöse Autoritäten lokale Männlichkeitskonzepte, indem sie diese mit kulturell oder politisch aufgeladenen Vorstellungen von der Einheit der Nation oder Ethnie in Beziehung setzen. Gleichzeitig reduzieren sie maskuline Rollen- und Selbstbilder auf die Verteidigerrolle und festigen Geschlechterstereotypen. Sie schüren Konflikte und verbreiten Bedrohungsszenarien durch äußere oder innere Feinde.

Diese Muster waren in lokalspezifischer Ausprägung insbesondere in den zentral- und ostafrikanischen Bürgerkriegen verbreitet – beispielsweise in der Demokratischen Republik Kongo, im Sudan und am Horn von Afrika. Die dazu notwendigen Waffen ließen sich auf legalen oder illegalen Wegen leicht beschaffen – schließlich sind Rüstungsfirmen immer an neuen Absatzmärkten interessiert. Als exportorientierte Devisenbringer haben sie in vielen Ländern auch weitgehend freie Hand, wie das Bonner Konversionszentrum (BICC) oder das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) und andere Forschungseinrichtungen dokumentieren.

Nicht überall reagieren Zoll-, Flughafen- oder Hafenarbeiter so couragiert, wie in der südafrikanischen Hafenstadt Durban, wo sie sich trotz massiven Drucks seitens der ANC-Regierung im April 2008 weigerten, ein chinesisches Schiff mit Waffenlieferungen für das diktatorische Mugabe-Regime in Simbabwe zu entladen. Die Ladung wurde anschließend in Angola gelöscht und weitertransportiert. Sie diente zur Bewaffnung von jugendlichen Schlägertrupps, sogenannten „grünen Bombern“, die Mugabe und seine Getreuen gegen Oppositionelle einsetzte. Simbabwische Frauenrechtsorganisationen prangerten schon vor Jahren vehement die zahllosen Vergewaltigungen von regimekritischen Frauen und Töchtern von Oppositionsmitgliedern durch regimetreue bewaffnete Jugendliche an.

Demgegenüber rüsteten Kriegestreiber in west- und zentralafrikanischen Ländern ganze Gesellschaften auf, die durch Polizeigewalt, staatliche Willkür, miserable Dienstleistungen staatlicher Institutionen, z.B. im Bildungs- und Gesundheitssektor, strukturelle Gewalt, hohe Arbeitslosigkeit, durch massiven Ressourcendruck auf Land und Weiden, große soziale Ungleichheiten und Perspektivlosigkeit geprägt waren. Diese Probleme stürzten insbesondere junge Männer in Identitätskrisen und verunsicherten sie in ihrem maskulinen Selbstverständnis. Sie konnten Rollenerwartungen nicht erfüllen, wurden von älteren und wohlhabenden Männern mit Argwohn betrachtet oder gar als Unruhestifter angefeindet. Deshalb suchten sie nach Kompensationen. Dann diente die Teilhabe an der Kriegsökonomie als willkommene Möglichkeit zur Existenzsicherung, zumal Kriegstreiber sie gezielt als männlich und identitätsstiftend anpriesen. Diese Muster zählten nachweislich zu den Kriegsursachen in Sierra Leone und Liberia.

Nicht nur dort sollten neue, oft demütigende Rituale Rekruten zusammenschweißen, denn sie wurden auch als Ordnung stiftend verbreitet. Wenn der Einzelne diese durchstand, hatte er seine Mannhaftigkeit bewiesen. Jugendliche und Männer, die sich diesen Ritualen verweigerten, wurden als verweiblichte Feiglinge verhöhnt. Dabei setzten Kriegstreiber männliche Ehre mit Kampfbereitschaft gleich und lenkten Männerfreundschaften in militärische Kameraderie um. Im Gegensatz dazu wurden Frauen auf das Mütterdasein eingeschworen, die Kultur und Tradition hüten sollten.

Während der langjährigen Bürgerkriege in Sierra Leone, in Uganda oder im Sudan mussten Frauen neue wirtschaftliche Aufgaben und Verantwortungsbereiche übernehmen, die zuvor als männlich galten und nur schwerlich mit den Mutterschaftsidealen vereinbar waren. Mit dieser Überschreitung von Geschlechtergrenzen ging aber kein Machtgewinn einher, vielmehr werteten viele Männer diese Transformationen als temporären Ausnahmezustand.

Zur Manifestation von Geschlechterhierarchien in Kriegen tragen insbesondere Vergewaltigungen bei. Schließlich ist in vielen afrikanischen Bürgerkriegen und zwischenstaatlichen Kriegen die gesamte Zivilbevölkerung mehr oder weniger direkt in die Kriegshandlungen einbezogen. Vielerorts dienen Vergewaltigungen als Terror-, Vertreibungs- und Eroberungsstrategie. Durch systematisch angeordnete Vergewaltigungen verschaffen sich Guerillagruppen und Militärs Zugang zu lukrativen Ressourcen und lähmen die Selbstversorgung ihrer jeweiligen Feinde, die oft in den Händen von Kleinbäuerinnen und deren Töchtern liegt. Zudem brechen sie deren familiären und sozialen Zusammenhalt auf. Auch wenn Frauen und Mädchen die direkten Opfer sind, greifen die Vergewaltiger indirekt das maskuline Selbstbild der männlichen Familienmitglieder an. Sie werden als Versager verhöhnt, weil sie ihre Töchter, Mütter, Schwestern und Ehefrauen nicht schützen. Letztgenannte gelten anschließend als gefährliches Krankheitsrisiko für den jeweiligen Ehemann, zumal sie möglicherweise mit Geschlechtskrankheiten oder HIV infiziert wurden, und als Bedrohung der familiären Erbfolge, wenn sie Kinder gebären, deren Väter man nicht kennt.

Insbesondere in Guerillakriegen mit zahlreichen konkurrierenden Milizen werden etliche Frauen und Mädchen verschleppt und anschließend als Geliebte von Kommandanten oder Sex-Sklavinnen von Kombattanten missbraucht. Auch damit dokumentieren diese die Ohnmacht ihrer weiblichen Opfer und der männlichen Verwandten. Angst vor solchen Verschleppungen verunsichert die Bewohner ganzer Regionen, wie in Nord-Uganda.

Wenn Jungen oder Männer vergewaltigt werden, zielen die Täter darauf ab, ihre Opfer zu demütigen und zu effimieren. Auch in diesen Fällen sind sexualisierte Gewaltakte non-verbale Kommunikationsformen zwischen verfeindeten Männern, vor allem in Gesellschaften, in denen Homosexualität tabuisiert und verpönt ist.

Mit einem offiziellen Friedensprozess enden solche kriegsgeprägten Gewaltmuster keineswegs. Auch Geschlechterkonflikte eskalieren unter neuen Vorzeichen. So verhindern Kommandanten vielerorts, dass Frauen an Friedensdelegationen und Friedensverhandlungen mitwirken. Falls einzelne Repräsentantinnen dennoch beteiligt werden, sollen sie die Interessen der jeweiligen Miliz durchsetzen. Vertreterinnen unabhängiger Frauen-, Friedens- und Menschenrechtsorganisationen erhalten oft keinen Zugang zu den Verhandlungen, damit verweigert man ihnen, frauenpolitische Forderungen und die Aufarbeitung der sexualisierten Kriegsgewalt auf die Agenda zu setzen.

Bei Demobilisierungsprogrammen grenzen Kommandanten auch ihre früheren Kampfgefährtinnen aus oder feinden sie als aufmüpfig an. Für Frauen und Mädchen, die während eines Krieges Kombattantinnen waren und von ihren Vorgesetzten oder anderen Kämpfern sexuell missbraucht wurden, ist die Reintegration in den Nachkriegsalltag besonders schwierig. Obwohl Sierra Leone oft als Vorbild für Demobilisierungsprogramme gilt, hielten Kommandanten die Mehrheit der Ex-Kämpferinnen auch dort davon ab, an diesen Demobilisierungsprogrammen teilzunehmen. Sie wollten nicht als Anführer von Frauen und Kindern gelten. Neben dem Abgeben der Waffen wäre das ein zusätzlicher Imageverlust gewesen.

Immer wieder gehen Planer von Demobilisierungsprogrammen nur von Männern als Kombattanten oder Soldaten aus und betrachten Frauen höchstens als Familienangehörige. Auch Kindersoldatinnen werden meist nicht registriert. Wegen ihrer ambivalenten Rolle werden Ex-Kombattantinnen vielerorts stigmatisiert und als Prostituierte angefeindet, zumal sie in der hart umkämpften Nachkriegsökonomie insbesondere im informellen Sektor mit anderen Frauen konkurrieren.

Ein großes Problem in Nachkriegsgesellschaften ist die Zwangsprostitution, die kriminelle Netzwerke und manche Militärs gezielt forcieren. Insbesondere in den ersten Jahren nach Kriegsende, wenn Friedenstruppen stationiert werden, machen sie mit Prostituierten und Zwangsprostituierten gute Geschäfte. Zwar hat die UN für ihre Blauhelmsoldaten inzwischen strenge Verhaltensrichtlinien erlassen, dennoch werden Verstöße nur selten bestraft. Aus der Perspektive von UN-Verantwortlichen geht es vor allem um das Ansehen und die Erfolge der Blauhelmmissionen, hier ist aber noch eine ganz andere Dimension wichtig: nämlich die Hierarchien zwischen Männern unterschiedlicher Herkunft, die über die Verfügungsmacht über Frauenkörper geprägt werden und einen zumeist labilen Frieden latent gefährden können. Denn etliche Blauhelmsoldaten verhalten sich wie Sex-Touristen und provozieren durch rassistisches und herablassendes Verhalten die lokale männliche Bevölkerung, vor allem Ex-Kombattanten, die sich durch die erzwungene Waffenabgabe sowieso schon gedemütigt und ihrer Männlichkeit beraubt fühlen. Diese Zusammenhänge, die auch bei Fragen von Sicherheit und Unruhepotenzialen beachtet werden sollten, sind beispielsweise im Ostkongo in etlichen Studien dokumentiert. Denn nicht nur die Blauhelmsoldaten werden durch ihr besitzergreifendes Sexualverhalten zu Zielscheiben, auch Vergewaltigungen von Mädchen durch kongolesische Militärs oder Milizen sind aus deren Perspektive Machtbeweise, Strafe oder Beiträge zur Wiederherstellung von „Ordnung“.

Nur selten gibt es Programme, die Männer in Nachkriegsgesellschaften unterstützen, ihre komplexen Gewalterfahrungen aufzuarbeiten. Das betrifft keineswegs nur Ex-Kämpfer oder demobilisierte Soldaten, von denen etliche in mehrfacher Hinsicht Täter und Opfer waren. Sowohl offizielle Programme als auch politische und religiöse Autoritäten versagen hier mehrheitlich, weil sie ihre eigenen reduktionistischen Männlichkeitskonzepte nicht reflektieren.

Wenn sexualisierte Kriegsgewalt aber nicht aufgearbeitet wird und die Täter nicht zur Rechenschaft gezwungen werden, besteht die Gefahr, dass diese Gewaltmuster in Nachkriegsgesellschaften übernommen werden. Das zeigt sich beispielsweise in der Phase der Demobilisierung und Reintegration, geht aber weit darüber hinaus. Die Probleme sind besonders gravierend, wenn Generalamnestien erlassen werden, um einen labilen Frieden nicht zu gefährden. Auch die Ignoranz von Wahrheits- und Versöhnungskommissionen oder Strafgerichtsprozessen gegenüber sexualisierter Gewalt trägt zu deren Fortsetzung in der Nachkriegszeit bei. Hinzu kommen Bagatellisierungen von Vergewaltigungen durch Richter und eine ineffiziente und korrupte Justiz. Sie sorgt beispielsweise im Ostkongo dafür, dass bekannte Militärchefs straffrei bleiben, obwohl sie nachweislich vergewaltigt haben. Das beklagen Juristinnen und Vertreterinnen von Frauenrechtsorganisationen, die deshalb um ihr Leben fürchten müssen.

Die Kivu-Provinzen im Ostkongo sind auch beispielhaft dafür, dass sexualisierte Kriegsgewalt einen rasanten Anstieg von HIV-Infektionen und Geschlechtskrankheiten zur Folge hat, die wegen des desolaten Gesundheitssystems nicht behandelt werden. Manche infizierte Ex-Kombattanten rächen sich durch Vergewaltigungen an Frauen und Mädchen. Diese Gewaltform ist auch ein Machtmittel zur maskulinen Selbstbestätigung.

Zahllose Vergewaltigte werden im Nachhinein von ihren Ehepartnern und deren Familien fortgeschickt. Rückendeckung erhalten diese teilweise von religiösen Autoritäten, die Vergewaltigte beschuldigen, selbst für die Übergriffe verantwortlich gewesen zu sein. Vor allem demobilisierte, demoralisierte und perspektivelose Ex-Kämpfer und frühere Armeesoldaten fordern vehement ihre eheliche und familiäre Dominanz ein. In vielen Fällen dient ihnen häusliche Gewalt dazu, ihre männliche Machtposition in Ehen und Partnerschaften wiederherzustellen – zumal sie ihre Macht und männliche Selbstbestätigung durch Waffengewalt im öffentlichen Leben verloren haben.

Umso wichtiger ist es, dass die jeweiligen politischen Machthaber und einflussreiche religiöse Autoritäten mit eindeutigen Stellungnahmen und übergreifenden Strategien der Gewalt Einhalt gebieten. Zudem müssen neue, lokal angepasste Foren für Männer etabliert werden, um Maskulinität jenseits besitzergreifender Sexualität und Gewaltbereitschaft – gegenüber Frauen und gegenüber anderen Männern - zu definieren. Nur so kann verhindert werden, dass Nachkriegsordnungen etabliert werden, in denen tagtäglich der Schutz vor Gewalt und die Sicherheit vor HIV im privaten und im öffentlichen Raum ad absurdum geführt wird.

Nun denken einige von Ihnen vermutlich, das sind ja alles interne Probleme afrikanischer Länder. Keineswegs: Berücksichtigen wir beispielweise die Forderungen kongolesischer Friedensaktivistinnen, die einen Stop der Waffenlieferungen in ihr Land fordern und sich dafür an internationale und europäische Entscheidungsträger wenden.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 02. Dezember 2010 um 12:34 Uhr