Susanne Zwingel
Medial gesprochen gibt es heute mehr Aufmerksamkeit bezüglich geschlechtsspezifischer Gewalt in Konflikten als früher – „Startschuss“ waren die Massenvergewaltigungen von Frauen in Bosnien-Herzegowina in der ersten Hälfte der 1990er Jahre. Inzwischen ist es fast schon „normal“ geworden, über ähnliche Grausamkeiten im Kontext anderer Konflikte zu hören, z.B. in Darfur oder dem Konflikt im Kongo und angrenzenden Staaten. Und natürlich sind auch die Bilder aus Abu Ghraib, auf denen irakische Männer von einer amerikanischen Soldatin gefoltert und gedemütigt werden ein Zeichen dafür, dass geschlechtsspezifische Gewalt in Konflikten eine Rolle spielt und stärker wahrgenommen wird. Auf der Tagung heute und morgen wird es auch viel darum gehen, wie Internationale Organisationen diese neue Aufmerksamkeit in ihre Arbeit integriert haben – paradigmatisch sind hier die Sicherheitsratsresolutionen 1325 und 1820 und deren Umsetzung.
Es gibt Aufmerksamkeit, aber die scheint sich auf außerordentliche Umstände – brutale sexualisierte Gewalt – zu konzentrieren. Sie scheint außerdem eher punktuell – wenn das „Frauenthema“ einmal behandelt ist, dann verschwindet es wieder, so scheint es; geschlechtsspezifische Gewalt wird nicht als Kernbestandteil von bewaffneten Konflikten betrachtet. Eine Erkenntnis aus der feministischen Friedens- und Konfliktforschung ist aber, dass geschlechtsspezifische Rollenzuweisungen permanent wirksam und auch für „normale“ Gewaltausübung in bewaffneten Konflikten konstituierend sind. Normal in diesem Sinne ist beispielsweise, dass überwiegend Männer und männliche Jugendliche rekrutiert, oft auch zwangsrekrutiert werden, dass sie kämpfen, töten und getötet werden, und dass ihnen weniger als Frauen und Mädchen Verletzlichkeit und der Status von Zivilisten zuerkannt wird.
Viele feministische Forschungsarbeiten haben den Zusammenhang von spezifischen Geschlechterordnungen und der Konfliktaustragungsart einer Gesellschaft herausgearbeitet, z.B. Cockburn (2004), Cockburn/Zarkov (2002), Enloe (2000), Hagemann-White (2001), Harders (2005), Seifert (2001). In den nicht feministischen Mainstream der deutschsprachigen Kriegsursachenforschung hat die Analysekategorie Geschlecht bisher nur punktuell Eingang gefunden – und deshalb finde ich es auch besonders begrüßenswert, dass wir auf dieser Tagung aus verschiedenen Perspektiven ins Gespräch kommen (Internationale Beziehungen und Geschlechterforschung, Deutschland und Ausland, Wissenschaft und Politik).
Meine Hauptthese heute lautet: eine geschlechtssensibile Perspektive ist wichtig zum Verständnis, zur Analyse und auch zur Prävention von Konflikten bzw. zur Herstellung von nachhaltig befriedeten Gesellschaften. Die Kategorie Geschlecht – im Sinne von Geschlechterdifferenz und -hierarchie, von Gewalt- und Dominanzverhältnis – ist eine zentrale Dimension von Konflikten und Kriegen, sie wird aber bisher noch zu oft ausgeblendet, während z.B. wirtschaftliche Interessen oder bestimmte kollektive Identitäten als Konfliktursachen untersucht werden. Geschlecht ist nicht die einzig relevante Dimension, aber sie ist bisher erstaunlich missachtet geblieben.
Ich plädiere einerseits für eine Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Gewalt in der Untersuchung von Kriegen und Konflikten, weil sonst Konflikte nicht umfassend verstanden werden können. Andererseits geht es auch um ein Neu-Denken von „Konflikt“ aus geschlechtsspezifischer Sicht. Hierarchische Geschlechterverhältnisse produzieren vielfältige und massenhafte Gewalt. Diese Gewalt wird aber von der Friedens- und Konfliktforschung nicht in den Blick genommen, da sie dem gebräuchlichen Konfliktbegriff nicht entspricht – nicht ins Muster passt insbesondere, dass geschlechtsspezifische Gewalt überwiegend in privaten Räumen und zwischen nicht-staatlichen und nicht-organisierten Akteuren stattfindet.
Im Folgenden werde ich erstens den Forschungsstand zum Zusammenhang von Geschlecht und Gewalteskalation skizzieren. Zweitens wird, basierend auf einem geschlechtsspezifischen Gewaltbegriff, gezeigt, wie Frauen und Männer in vielfältiger Weise von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen bzw. in diese involviert sind. Drittens beleuchte ich kurz, dass und wie Geschlechterordnungen und deren Gewaltpotenzial mit anderen Kategorien sozialer Ungleichheit interagieren.
1.Geschlecht und Gewalt: Forschungsstand
Quantitative Ansätze in der Friedens- und Konfliktforschung (z.B. Caprioli 2000) haben einen statistischen Zusammenhang zwischen einem erhöhten Anteil von Frauen in politischen und ökonomischen Entscheidungspositionen (= Ausdruck für Gleichstellung) und einem verminderten Grad an staatlicher Gewalttätigkeit festgestellt (dies trifft empirisch sowohl für zwischenstaatliche als auch für innerstaatliche Kriege zu). Umgekehrt gilt ebenfalls: Wenn weniger Frauen Entscheidungspositionen innehaben, dann steigt die Gewalttätigkeit. Problematisch ist an diesem Ergebnis, dass es implizit eine statische Vorstellung des Geschlechterverhältnisses perpetuiert, nämlich dass Männer gewaltgeneigter sind und Frauen friedfertiger.
Die zentrale Frage ist aber, wie und warum Geschlechterordnungen dieser Art zustande kommen, also entweder hierarchische oder weniger hierarchische. Die soziologische Geschlechterforschung definiert Geschlecht als wirkungsmächtige und gleichzeitig kontextspezifische und potenziell wandelbare soziale Institution. Die Macht dieser Institution zeigt sich daran, dass sie als „natürlich“ wahrgenommen wird, dass aber gleichzeitig alle Menschen in geschlechtsspezifisches Verhalten hineinsozialisiert werden und dadurch vermeintlich natürliche Geschlechterrollen erst sozial produzieren. Geschlecht hat darüber hinaus eine Ordnungs- und Stratifizierungsfunktion – also: erst Unterscheidung und Einteilung, dann Zuschreibung von Höher- und Minderwertigkeit – wobei prinzipiell auch Raum für Veränderung, z.B. Angleichung von Geschlechterrollen, vorhanden ist (Lorber 1994).
Soziologisch gesprochen ist auch ein Verständnis von Konflikt, das auf der Annahme einer klaren Abgrenzbarkeit von Krieg und Frieden basiert, zu kurz gegriffen. Es ist eher von einem „Konflikt-Kontinuum“ auszugehen, das in allen Gesellschaften Konflikt- und Harmoniepotenziale identifiziert, die in eine Fülle von gewaltsamen oder gewaltfreien Konfliktaustragungsstrategien münden können (Boulding 2000). Gewalt wird hier verstanden als direkte physische Beschädigung und als Struktur. Galtung spricht von struktureller Gewalt, wenn die möglichen geistigen und somatischen Entwicklungschancen eines Individuums den tatsächlichen nicht entsprechen; kulturelle Gewalt bedeutet die Normalisierung von struktureller Gewalt (Galtung 1998).
Die feministische Friedensforschung hat geschlechtsspezifische Diskriminierung und Geschlechterdualismen in diesen Gewaltbegriff integriert (zuerst Batscheider 1992). Es geht dabei nicht darum, Frauen als Opfer und Männer als Täter in zwei Kategorien zu pressen, sondern es geht um eine Sensibilisierung gegenüber „Gewalt im Geschlechterverhältnis“ (Carol Hagemann-White 2001), also Gewalt, die Menschen individuell – seelisch und körperlich – erfahren und die mit der Geschlechtlichkeit des Opfers wie des Täters zusammenhängt. Es wird nicht von einer eindeutigen Täter- oder Opfergruppe ausgegangen, sondern geschaut, wie sich Individuen in dieser Gewaltstruktur positionieren oder wie sie positioniert werden.
2.Gewaltbetroffenheit
Geschlechterverhältnisse sind also in allen Gesellschaften eine dominante, potenziell wandlungsfähige Institution; diese kann Gewalt struktureller und direkter Art beinhalten. Wie sind nun Männer und Frauen von „Gewalt im Geschlechterverhältnis“ betroffen? Geschlechterverhältnisse sind nicht in jeder Hinsicht gewaltsam, aber sie basieren meistens auf dem Prinzip der Dominanz hegemonialer Männlichkeit gegenüber anderen Männlichkeitsformen und gegenüber Frauen, und auf der Sanktionierung von Verhalten, das von den vorgesehenen weiblichen und männlichen Geschlechterrollen abweicht. Dieses Geschlechterarrangement ist, nicht nur für Frauen, repressiv.
In Bezug auf gewaltförmige Konflikte kann sich dieses Verhältnis vielfältig ausdrücken, z.B. in Form von Gewalt gegen Frauen als Kriegsstrategie (Massenvergewaltigungen und sexualisierte Folter als zentraler und besonders grausamer Bestandteil von Kriegsführung). Diese Gewaltform wird ob ihrer Extremität bisher am meisten berücksichtigt, sie stellt aber nur die „Spitze des Eisberges“ dar. Darunter liegt Gewalt gegen Frauen als Gesellschaftsstruktur. Seit den 1990er Jahren hat eine globale Sensibilisierung bzgl. des Ausmaßes an Gewalt gegen Frauen v.a. im privaten Raum eingesetzt. Gewalt gegen Frauen wird mittlerweile verstanden als Menschenrechtsverletzung – als Ausschluss von einem friedvollen, erfüllten Leben. Darüber hinaus besteht ein direkter Zusammenhang zwischen bewaffneten Konflikten und häuslicher Gewalt – die Normalisierung von Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung während eines Konfliktes machen häusliche Gewalt gegen Frauen wahrscheinlicher und brutaler.
Trotzdem ist der „Normalfall“ von Gewaltausübung sowohl in Kriegs- als auch in Friedenszeiten Gewalt zwischen Männern – ausgedrückt z.B. in ihrem sehr hohen Anteil an Kombattanten, Kriegstoten und zivilen Mordopfern. Männer sind Täter und Opfer von Gewalttaten; sie erfahren Gewalt anders als Frauen, aber ebenfalls auf Grund ihrer zugewiesenen Rollen als Männer. Es ist unter bestimmten Bedingungen gesellschaftlich akzeptabel für Männer, Gewalt zur Ausfüllung ihrer angemessenen Rolle auszuüben – dies ist nur sehr selten für Frauen der Fall. Dazu kommt, dass in Situationen raschen sozialen und gesellschaftlichen Wandels und in Krisensituationen Männer, die ihre dominante Rolle nicht mehr angemessen ausfüllen können, oft auf tradierte Rollenbilder zurückgreifen und diese mit Gewalt zementieren. Gewalt ist dann eine Reaktion auf ökonomische Instabilität und auf den Wegfall patriarchaler, Sicherheit stiftender Traditionen.
Die Gewaltförmigkeit des Geschlechterverhältnisses beinhaltet auch, dass Frauen selbst aktiv, wenn auch meistens indirekt als Repräsentantinnen von Tradition, Moral und Sittlichkeit, zur Erhaltung von Geschlechterhierarchien beitragen. Frauen werden oft zu Mittäterinnen in Kriegen und hochmilitarisierten Gesellschaften, aber meist nicht in Entscheidungspositionen; sie üben Gewalt in der Regel in untergeordneter Position aus – und reifizieren damit ihre akzeptierte Rolle als Unterstützerinnen der männlich dominierten sozialen Ordnung (z.B. Zdunnek 2002).
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass in geschlechtshierarchischen Gesellschaften Frauen wie Männer zu Tätern und Opfern direkter Gewalt werden können. Frauen wird eine untergeordnete soziale Position zugewiesen, was sie verletzlich macht und Ein- bzw. Unterordnung als existenzsicherndes Verhalten sinnvoll erscheinen lässt. Diese Unterordnung kann gewaltsames oder Gewalt unterstützendes Verhalten einschließen. Männern wird durch relativ eng definierte Vorstellungen von legitimer Männlichkeit Anwendung von Gewalt angeboten bzw. aufgezwungen. Gewaltanwendung kann zur Erhaltung dominanter männlicher Machtpositionen beitragen, sie kann aber auch ein Ausdruck von Kontrollverlust und Krise sein, in der Männer zu Opfern anderer, z.B. auf Rassismus beruhender Gewaltverhältnisse geworden sind. Normabweichende Positionen gibt es immer, sie sind aber riskant, z.B. männliche Kriegsdienstverweigerung oder anti-nationalistische, feministische Friedensarbeit im Konfliktfall. Daher beziehen sich Widerstandspositionen auch oft zumindest teilweise auf die dominanten, verengten Rollen, um Legitimität und Anknüpfungsfähigkeit zu finden – Soldatenmütter sind z.B. sehr viel wahrscheinlichere Friedensaktivisten als Soldatenväter.
3.Überlappende Differenzkategorien
Geschlecht ist nicht allein, sondern zusammen mit anderen Differenzkategorien wirksam (z.B. Ethnie oder Religion). Um gesellschaftliche Gewalteskalation zu verstehen, muss daher die Frage gestellt werden, welche gesellschaftlichen Positionierungen durch das Ineinandergreifen von Geschlecht, Ethnie und Klasse entstehen und welche Handlungsoptionen diesen überlappenden Identitäten im Konfliktfall zur Verfügung stehen. Seit den 1990er Jahren hat sich die Konfliktforschung verstärkt dem Erklärungsfaktor Identität zugewandt. Bisher stehen Identitätsdimensionen im Vordergrund, die zur ganz direkten Polarisierung genutzt werden und mehr oder weniger diffuse Kollektive in eindeutige Freund-Feind-Gruppen spalten können, also z.B. „Ethnien“ oder Religionen. Die Identitätsdimension Geschlecht wirkt anders und ist vielleicht deshalb so lange unberücksichtigt geblieben: sie polarisiert nicht zwischen Freund und Feind, sondern stellt innerhalb der eigenen Gruppe und innerhalb der gegnerischen Gruppe eine scheinbar natürliche und daher legitime Hierarchie her. Die Zementierung und Polarisierung von Identitäten im Konfliktfall muss vor dem Hintergrund verstanden werden, dass Identitätsdimensionen wie Geschlecht, Ethnie oder religiöse Gemeinschaft an sich dynamisch sind und kontextabhängige Bedeutungen annehmen (Fearon/Lathin 2003).
Für eine intersektionale Konfliktanalyse sind potenziell alle Elemente relevant, die zu gesellschaftlicher Polarisierung und damit Gewalteskalation beitragen, z.B. nicht hinreichende inklusive staatliche Institutionen, ökonomische Ungleichheit und entsprechende ethnische, religiöse und geschlechtsspezifische Identitätsangebote. Der Mehrwert einer intersektionalen Analyse sei hier an einem Beispiel verdeutlicht, in dem nur zwei Elemente, nämlich ökonomische Marginalisierung und Geschlecht, kombiniert werden.
Eine auf ökonomischer Marginalisierung basierende Erklärung für Gewalt besagt, dass ökonomische Notlagen zur Destabilisierung von Familien und existentiellen Krisen führen, die Gewalteskalationen wahrscheinlicher machen. Berücksichtigt man zusätzlich die Kategorie Geschlecht, erhält man Einsicht in die unterschiedlichen Handlungsmuster der einzelnen Familienmitglieder (Cockburn 2004). Frauen und insbesondere Mütter sind nach wie vor für die Ernährung der Familie zuständig, investieren aber mehr Zeit und Ressourcen in Überlebensarbeit – sie laufen weiter, um Wasser zu holen, sie arbeiten länger auf dem Feld oder Markt, sie delegieren die Aufsicht der Kinder an die älteren Töchter, die oft hierfür aus der Schule genommen werden. Ihre sinnhafte Rolle bleibt erhalten. Männer stürzt die gleiche Situation in eine Krise, weil die mit ökonomischer Not oft einhergehende Arbeitslosigkeit sie „entmännlicht“, da sie nicht mehr für den Familienunterhalt aufkommen können. Die unausgefüllte Zeit macht Männer, und jugendliche Männer im Besonderen, für Kriminalität und militarisierte Männlichkeitsmuster anfällig. Waffenbesitz bringt Dominanz mit sich und die Möglichkeit zu plündern, und so die Familie zu ernähren. Materielle Not treibt auch Frauen in immer größeren Zahlen in den Kombattantenstatus. Auch sie erfahren Machtzuwachs, dieser wird aber durch die sexuelle Ausbeutung, die viele Frauen- und Mädchensoldaten erfahren, stark geschränkt. Auch beinhaltet die Rolle der Kämpferin für Frauen und Mädchen oft langfristigen Schaden – sie haben ihre traditionelle Rolle zu stark übertreten, um in der Post-Konfliktphase weiterhin als „anständig“ zu gelten. Diese beiden Faktoren, sexuelle Gewalt und die spätere soziale Ausgrenzung, sind vermutlich die Hauptgründe, warum Frauen nach wie vor seltener als Männer zu Kombattanten werden.
Man kann also sagen: Unter Bedingungen ökonomischer Marginalisierung schwinden für Männer sinnstiftende friedliche Handlungsoptionen und erscheinen gewaltsame Handlungsoptionen lohnenswerter. Für Frauen bestehen friedliche Handlungsoptionen weiter, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, und gewaltsame Handlungsoptionen sind nur eingeschränkt lohnenswert.
4.Zusammenfassung
Die Analyse von auf Geschlechterordnungen basierender Gewalteskalation ist von theoretischer und praktischer Relevanz. Geschlechtsspezifische Gewalt stellt für Männer und Frauen einen manifesten Konflikt dar – für die Täter durch ein gewaltbereites männliches Geschlechterrollenbild, für die Opfer durch die Gefährdung ihrer Sicherheit und ihres Lebens. Die Stellung der Geschlechter ist kein Teilaspekt, sondern ein Kerncharakteristikum jeder Gesellschaft: Ein hoher Grad an Gewalt gegenüber Frauen ist Indikator dafür, dass in einem eskalierenden Konflikt Gewalt als „normales“ Mittel der Auseinandersetzung begriffen und benutzt werden wird. Dieser Befund unterstreicht die These, dass Konflikte nicht erst dann für die Friedens- und Konfliktforschung relevant werden, wenn sie zu einer festgelegten Menge an Toten geführt haben.
Mein Fokus war hier auf der Analyse des Zusammenhangs von Geschlechterordnungen und Gewalt. Um praktisch Gewalt zu de-eskalieren, muss es aus einer geschlechtsspezifischen Perspektive darum gehen, die Gleichwertigkeit von verschiedenen Identitätskonstruktionen zu verinnerlichen. In Bezug auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis können aus dieser Perspektive vielfältige Konfliktbearbeitungsstrategien erwachsen, wie sie z.B. in den Sicherheitsratsresolutionen 1325 und 1820 angelegt sind, und wie sie von verschiedenen Internationalen Organisationen und NGOs bereits erprobt werden. Langfristig und analytisch geht es auch darum, jede Form von Ausgrenzung und Abwertung und deren Gewaltsamkeit als gesellschaftlichen Konflikt ernst zu nehmen.
Literatur:
Batscheider, Tordis, 1992: Friedensforschung - Eine männliche Wissenschaft? Feministische Kritik an Institutionen, Inhalten und Methodologie der kritischen Friedensforschung, in: Jopp, Mathias: Dimensionen des Friedens – Theorie, Praxis und Selbstverständnis der Friedensforschung, Baden-Baden, 81-96.
Boulding, Elise, 2000: Cultures of Peace. The Hidden Side of History. Syracuse.
Caprioli, Mary, 2000: Gendered Conflict, in: Journal of Peace Research, Vol. 37, Nr. 1: 51-68.
Clasen, Sarah/Zwingel, Susanne 2009: „Geschlechterverhältnisse und Gewalteskalation“, Politische Vierteljahresschrift, Sonderheft Nr. 43, Identität, Institutionen und Ökonomie. Ursachen innenpolitischer Gewalt, herausgegeben von Margit Bussmann, Andreas Hasenclever und Gerald Schneider, 128-149.
Cockburn, Cynthia, 2004: The Continuum of Violence. A Gender Perspective on War and Peace, in: Giles, Wenona/ Hyndman, Jennifer (Hrsg.): Sites of Violence. Gender and Conflict Zones. Berkeley, Los Angeles, London, 24-44.
Cockburn, Cynthia/Zarkov, Dubravka (Hrsg.), 2002: The Postwar Moment. Militaries, Masculinities and International Peacekeeping. Bosnia and the Netherlands, London.
Enloe, Cynthia, 2000: Maneuvers. The International Politics of Militarizing Women’s Lives. Berkeley, Los Angeles, London.
Fearon, James D./ Laitin, David D., 2003: Ethnicity, Insurgency, and Civil War, in: American Political Science Review, Nr. 97, 75-90.
Galtung, Johan, 1998: Friede mit friedlichen Mitteln. Opladen.
Hagemann-White, Carol, 2001: Gender-Perspektiven auf Gewalt in vergleichender Sicht, in: Heitmeyer, Wilhelm/Hagan, John (Hrsg.), 2001: Internationales Handbuch der Gewaltforschung, Wiesbaden, 124-151.
Harders, Cilja, 2005: Geschlecht und Gewaltminderung, in: Jahn, Egbert/Sahm, Astrid (Hrsg.), 2005: Die Zukunft des Friedens. Bd.2, Die Friedens- und Konfliktforschung aus der Perspektive der jüngeren Generation, Wiesbaden, 495-518.
Lorber, Judith, 1994: Paradoxes of Gender, New Haven, London.
Seifert, Ruth, 2001: Genderdynamiken bei der Entstehung, dem Austrag und der Beilegung kriegerischer Konflikte, in: Peripherie, 21, 26-47.
Zdunnek, Gabriele, 2002: „Akteurinnen, Täterinnen und Opfer – Geschlechterverhältnisse in Bürgerkriegen und ethnisierten Konflikten“, in: Harders, Cilja/ Roß, Bettina (Hrsg.), Geschlechterverhältnisse in Krieg und Frieden. Perspektiven der feministischen Analyse internationaler Beziehungen, Opladen, 143-162.
* Der Vortrag basiert auf einem Aufsatz mit dem Titel: „Geschlechterverhältnisse und Gewalteskalation”, den ich zusammen mit Sarah Clasen in einem PVS Sonderheft von 2009 veröffentlicht habe. Herausgeber/innen: Margit Bussmann, Andreas Hasenclever und Gerald Schneider, „Identität, Institutionen und Ökonomie. Ursachen innenpolitischer Gewalt“.






